Grundsätze, Anforderungen und Hilfen zur Auswahl und
    zur Orthesenversorgung von Sportschuhen

    Grundsätze für die Auswahl von Sportschuhen

    Der Sportschuh ist im Breiten- und Leistungssport ein wichtiges Sportgerät. Der richtige Sportschuh kann vor Verletzungen und Überlastungsschäden schützen. Der falsche Sportschuh, etwa bei inadäquater Schuhauswahl, aber vor allem bei billigen Produkten mit schlechtem Aufbau und/oder schlechten Materialien, birgt die Gefahr von Fehlbelastungen. Akut können diese zu Verletzungen und chronisch zu Überlastungsschäden führen. Letztere können sich insbesondere in Form von chronischen Entzündungen an der media-len und lateralen Tibiakante, an der Patellaspitze, den kniegelenksnahen Sehnenansätzen und insbesondere auch an der Achillessehne manifestieren.

    Das Anforderungsprofil für den Sportschuh und insbesondere für Laufschuhe ist wissenschaftlich gut untersucht. Diese Erkenntnisse sind z. T. in die Schuhentwicklung eingeflossen. Trotzdem sind aufgrund der hohen Anforderungen an die Eigenschaften des Sportschuhs immer noch Defizite in einigen Bereichen festzustellen. Beispielsweise entstehen bei einigen Schuhen durch falschen Aufbau Hebelwirkungen, die zu Fehlbelastungen, Verwringungen des Fußes im Schuh, zur Provokation von verstärkter Pronation etc. führen.


    Physiologische Grundlagen

    Die Stärke des menschlichen Fußes liegt in seinen dynamischen Fähigkeiten. Der Fuß mit zwei senkrecht aufeinanderstehenden Gewölben ist so konstruiert, dass er stoßdämpfend wirken und hohe Druckbelastungen abfangen kann. Gewährleistet wird dieses durch die knöcherne Bogenkonstruktion, die Bandstrukturen des Fußbodens, aber im Wesentlichen durch die Verspannung der Gewölbe durch die Fuß- und Unterschenkelmuskulatur, die für die Druckaufnahme und Abfederung hauptverantwortlich sind.

    Der Bewegungsablauf beim Laufen und Gehen erfolgt in Phasen. Beim Fersenlaufen ( 80 % der Läufer sind Fersenläufer ) kommt es nach dem Aufkommen der Ferse (Touchdown) zu einem Eindrehen des Fußes nach innen, der sogenannten Pronation. Diese Bewegung trägt zur Dämpfung der einwirkenden Kräfte bei. Kombiniert mit der Pronation ist eine Innenrotation der Tibia. Manche Menschen zeigen beim Fersenlauf eine sehr ausgeprägte Pronation. Diese wird oft als „Überpronation“ bezeichnet. Eine Definition in Winkelgraden oder anderen Maßeinheiten ist in der Literatur nicht zu finden. Die Pronationsbewegung kann, wenn sie sehr ausgeprägt erfolgt, zu hoher Belastung im unteren Sprunggelenk, aber auch zur Überlastung der torsionsstabilisierenden Strukturen des Kniegelenkes führen.

    Möglicherweise ist die „überschiessende“ Pronation für überlastungs- und fehlbelastungsinduzierte Erkrankungen, wie Knochenhautreizungen, Achillessehnenbeschwerden, Patellofemorale Schmerzsyndrome etc., mit verursachend. Beweise dafür gibt es jedoch noch nicht. So stellt sich die Frage, warum viele Sportler mit einer starken Pronationstendenz keinerlei Beschwerden haben.

    Neben der Betrachtung der Pronation ist das individuelle Abroll- und Belastungsverhalten eines jeden Sportlers zu betrachten, so z. B. Fußfehlformen, wie Spreiz-, Knick-, Senk- oder Hohlfuß. Ebenfalls nicht unwesentlich ist die Art des Laufstils z. B. Mittelfuß-, Ballen- oder Fersenläufer.
    Die Anforderungen, die aufgrund der biomechanischen Eigenschaften der Fuß- und Kniegelenke an einen Sportschuh gestellt werden, sind also vielfältig. Es gibt allgemeine Grundsätze, aber auch individuelle, personenbezogene und sportartspezifische Kriterien, die für den Aufbau und die Auswahl des geeigneten Sportschuhs relevant sind.


    Allgemeine Anforderungen an einen Sportschuh

    1) Führung der Ferse ohne Hebelwirkung, d. h. bodennah

    2) Stützungen des Längs- sowie des Quergewölbes und ausreichende Bettung des Großzehenballens (Hauptdruckpunkt in der letzten Phase des Abrollens)

    3) Gewährleistung der Seitenstabilität des Vorfußes

    4) Belastungsadäquate ausreichende Dämpfung im gesamten Sohlenbereich

    5) Sportartspezifische Konzeption der Sportschuhsohlen


    Zu 1): Die Fersenführung wird im Wesentlichen durch eine relativ feste Fersenkappe erreicht. Fersenkappen sollten insbesondere lateral stützen, dürfen jedoch nicht zu hart sein. Sie dürfen insbesondere nicht zu groß sein, um seitlich nicht an den Knöcheln zu scheuern, und dorsal nicht zu weit hochgezogen, um die Achillessehne nicht zu beeinträchtigen.

    Zu 2): Die Fähigkeit des Schuhs zur Stützung und Führung ist insbesondere von den Führungselementen der Sohle, aber auch von der Schuheinlage abhängig. Hierbei sollte ins-besondere auf die sportartspezifischen Erfordernisse sowie auf die individuellen Voraussetzungen des Sportlers geachtet werden.
    Versuche, Fußfehlstellungen übertrieben zu korrigieren, bewirken häufig das Gegenteil. So führt z. B. die übertriebene mediale Abstützung bei sogenannter Überpronationsneigung zu übertriebenem Abrollen in Supinationsstellung. Dies ist ebenso schädlich wie breitausgestellte Sohlen, die Stabilität suggerieren, jedoch in der Abrollphase der Ferse unerwünschte Hebelwirkungen entfalten können. Der Schuh sollte die natürlichen Bewegungen des Fußes unterstützen und Fehlbewegungen zwischen Schuh und Fuß verhindern.

    Zu 3): Die Gewährleistung der Seitenstabilität wird durch das Obermaterial des Schuhs im Vorfußbereich erreicht, das den Fuß über der Sohle fixiert und seitliches Rutschen im Schuh verhindert. Dies ist bei Laufschuhen weniger wichtig als bei Schuhen für Spielsportarten, bei denen Seitbewegungen zu den typischen Belastungsformen zählen.

    Zu 4): Die vertikale Dämpfung des Sportschuhs wird weitestgehend über die Zwischensohle erreicht. Sie ist ein wichtiges Konstruktionsmerkmal und für die Funktion von wesentlicher Bedeutung. Die Dämpfung sollte auf Lauf- bzw. Belastungsstil des Läufers, z. B. Fersen- oder Mittelfußläufer, und die jeweiligen Belastungssituationen der Sportart ausgerichtet sein. So könnte ein gut trainierter Läufer einen 10-km-Lauf auf einem „leichten“ Wettkampfschuh laufen, da er diesen auf dem Mittelfuß läuft. Dagegen kann derselbe Sportler für einen Marathonlauf einen ganz anders gedämpften Schuh benötigen, da er diesen Lauf bedingt durch Geschwindigkeit und Ermüdung weitestgehend als „Fersenläufer“ läuft. Eine exzessive Dämpfung, wie sie zeitweise als besonders günstig im Sportschuhbau angesehen wurde, ist zur Verhinderung von Überlastungsreaktionen an Gelenken und Gelenkkapseln sicher nicht uneingeschränkt hilfreich. Bei überdimensionierter Dämpfung (zu dicke Sohle, zu weiches Material) leidet die Führungsqualität des Schuhs und es kann eine instabile Situation entstehen. Zudem werden elementare biomechanische Reaktionen, etwa die Induktion des Dehnungs-/Verkürzungszyklus, durch die Verzögerung bei zu starker Dämpfung verhindert. Gute Dämpfung eines Laufschuhs im Fersenbereich ist zum Auffangen der Kräfte beim Fersenaufsatz hilfreich.

    Zu 5): Der Sohle eines Sportschuhs fällt eine wesentliche Rolle bei der Funktion des Schuhs zu, oft mehr als allgemein beachtet. Die Schuhsohle ist wichtig für die Standsicherheit, um auf der einen Seite das Rutschen, auf der anderen Seite aber auch das Blockieren des Fußes auf dem jeweiligen Untergrund zu vermeiden. Häufiges Blockieren, das hervorgerufen wird durch extrem rutschfeste Sohlen, verursacht forcierte Bewegungen des Fußes im Schuh. Dies führt zu vermehrter Abnutzung des Schuhs, ist aber insbesondere auch Ursache von akuten Traumata und/oder chronischen Überlastungsschäden.
    Eine zu rutschige Sohle ist andererseits für die Kraftentfaltung und das Übertragen der Kraft auf den Untergrund ungünstig und birgt gleichfalls nicht unerhebliche Verletzungsrisiken in sich.

    Wichtig für die Auswahl der Sohle ist selbstverständlich die Sportart mit ihren spezifischen Anforderungen, aber auch das Bodenmaterial und die Bodenbeschaffenheit, auf der dieser Sport ausgeübt werden soll. Abrundungen der Sohle vorne und hinten sollten gerade bei Laufschuhen verhindern, dass über die Hebelwirkungen weitausladender Sohlen Schäden entstehen können.


    Auswahl des Sportschuhs

    Die Auswahl des Sportschuhs bedarf der sehr individuellen Betrachtung des jeweiligen Sportlers, der Sportart, des Laufstils, von Fußfehlstellungen, möglicherweise auch von Beinachsenveränderungen und Beinlängendifferenzen. Wichtig ist auch der Trainingszustand des Sportlers. Das funktionelle Verhalten des Sportlerfußes, respektive des gesamten unteren Bewegungsapparates, bedarf ausreichender Beachtung. Die statische Analyse des Fußes ist hierbei nicht ausreichend, um auf die dynamischen Verhältnisse adäquat rückschließen zu können. Erschwerend kommt noch hinzu, dass viele Sportler ein unterschiedliches Belastungs- und Abrollverhalten zwischen dem rechten und dem linken Fuß haben.

    Hilfe in diesem Zusammenhang und damit Entscheidungshilfe beim Kauf kann zunächst einmal der gebrauchte Laufschuh liefern. Die Schuhsohle bietet Einblick in die individuellen Druckverhältnisse und damit indirekt in die Fußdynamik. Beachtung sollte nicht nur die Schuhsohle, sondern auch die Innensohle finden.

    Natürlich bietet auch die statische Betrachtung des Fußes wichtige Informationen. So können über die Art und die Lokalisation der Beschwielung der Fußsohle, die Stellung der Ferse sowie den Zustand von Längs- und Quergewölbe schon einige grundsätzliche Aussagen über Fußfehlform und Fehlbelastungen gemacht werden.

    Dynamische Hilfsuntersuchungen, hier ist die inzwischen populäre Laufbandanalyse mit Videoaufzeichnung zu nennen, können zusätzliche Informationen liefern. Es ist bei den aus diesen Analysen abgeleiteten Empfehlungen jedoch Vorsicht geboten. Laufbandanalysen, so zeigen wissenschaftliche Studien, spiegeln das Laufverhalten des jeweiligen Sportlers nur bedingt wider.

    Die geringe Bildfrequenz einfacher Videokameras bildet die schnellen Bewegungen des Fußes nur bruchstückartig ab. Zeitlupe oder Standbilder erlauben daher keine genauen Aussagen etwa über das Ausmaß der Pronation. Die Lauftechnik ist vor allem beim erstmaligen Laufbandversuch stark verändert. So ist insbesondere durch Vorneigung beim Laufen eine Verfälschung des Abrollverhaltens sehr häufig. Weitere dynamische Messungen sind Fußsohlendruckmessungen entweder mittels einer Kraftmessplatte oder geeigneter Messeinlegesohlen. Diese Verfahren können die im Schuh auftretenden Druckverhältnisse beim Laufen erfassen und computeranalytisch verarbeiten. Die sachgerechte Inter-pretation dieser Daten bedarf jedoch spezifischen Fachwissens.

    Die persönlichen Erfahrungen des Sportlers sowie ggf. seine ausführliche Krankengeschichte – interpretiert und in konkrete Empfehlungen von einem erfahrenen Sportarzt übersetzt – sind wichtige Hilfsinformationen. So können durchgemachte Achillessehnenbeschwerden sowie z. B. das Auftreten eines Patellaspitzensyndroms oder einer Knochenhautentzündung wichtige Hinweise auf Probleme in der Statik geben. Auch die Erfahrung eines guten Sportschuhverkäufers kann hilfreich bei der Entscheidung für den richtigen Sportschuh sein.

    Ein Sportschuh sollte selbstverständlich bevorzugt am Nachmittag oder Frühabend gekauft werden, da das Fußvolumen zum Abend hin zunimmt. Ferner sollten Messungen, wie Laufbandanalysen und auch andere elektronische Messungen, erst nach einer gewissen Ermüdung der Muskulatur durchgeführt werden. Für eine zuverlässige Messung ist es erforderlich, dass der Sportler sich zumindest einige Kilometer warmläuft.


    Einlagen

    Aufgrund statischer und dynamischer Fehlbelastungen benötigen einige Sportler eine spezifische Einlagenversorgung. Eine generelle sehr frühzeitige Verordnung von Laufschuheinlagen kann nicht befürwortet werden. Durch eine nicht angezeigte Versorgung mit Sportschuheinlagen kann die gewünschte Entkopplung des Vor- und Rückfußes verhindert oder, z. B. durch zu hohes mediales Abstützen des Rückfußes, der Vorschub des lateralen Vorfußes provoziert werden. Zudem führt eine zu frühzeitige Entlastung der Haltemuskulatur zu deren Schwächung bei häufig ohnehin unzureichendem Funktionszustand.

    Für eine fachgerechte Einlagenversorgung ist die Indikationsstellung des Sportmediziners nach genauer Untersuchung und die enge Zusammenarbeit mit dem Orthopädieschuhmachermeister erforderlich. Es kann bei einigen Schuhtypen und Sportarten sinnvoll sein, statt Einlagen sogenannte Schuhzurichtungen zu fertigen. Es handelt sich dabei um fest in den Schuh installierte Korrekturen und Unterstützungen, die individuell eingepasst werden müssen.


    Schuhdesign

    Das Schuhdesign spielt für das Kaufverhalten des Breitensportlers eine nicht unerhebliche Rolle. So werden Schuhe teilweise mit modischen Materialien versehen und vom Schnitt her so konzipiert, dass sie z. B. keilförmig und damit aggressiv oder auch sportlich aussehen, aber die Funktionalität darunter leidet.

    Von Sportschuhherstellern werden beim Schuhbau sehr weiche, angenehme Materialien wie Luftpolster und Gelkissen unter die Druckzonen gesetzt. Dies vermittelt ein sogenanntes wohliges „Stepp-in-Gefühl“. Damit ist gemeint, dass bei der Anprobe der Schuh aufgrund der Materialauswahl und der primär weichen Dämpfung ein sehr angenehmes Gefühl am Fuß vermittelt. Werden derartige Schuhe eine Zeit lang getragen, ist aufgrund der Materialermüdung sehr schnell mit einem Nachlassen der Dämpfungseigenschaft zu rechnen. Optische Kriterien und Farbdesign dürfen nicht die entscheidenden Kriterien der Schuhauswahl sein.

    In den letzten Jahren sind die Preise für Sportschuhe ständig gestiegen. Nicht selten findet man Laufschuhe in Preiskategorien um 150 – 200 Euro. Wesentliche Neuerungen sind beim Sportschuhbau in den letzten Jahren nicht erzielt worden. Hochpreisige Schuhe sind aber nicht automatisch besser als preisgünstige Schuhe. Hinter anglizistischen Begriffen für Neuerungen, die marketingstrategisch genutzt werden, sind oft nur nuancenhafte Veränderungen von schon seit mehreren Jahren ähnlich gebauten Schuhelementen verborgen.


    Resümee

    Entscheidend für die Auswahl eines Sportschuhs und der Einlagenversorgung ist die ganz individuelle Untersuchung und Beratung des Sportlers. Viele Wechselwirkungen zwischen Bewegungsapparat und Schuh sind noch nicht ausreichend untersucht. Es fällt daher schwer, allgemeine Grundsätze und Regeln für die Konstruktion und den Kauf eines Sportschuhs aufzustellen. Abschließend bleibt für den Breitensportler der wichtige Hinweis, dass das vernünftig aufgebaute Training nach den Kriterien der Trainingslehre durch keinen noch so guten und teuren Schuh ersetzt werden kann.


    Erarbeitet von der
    Sektion
    Breiten-, Freizeit- und Alterssport der DGSP

    Teilnehmer:
    Frau Dr. Berbalk, Dr. Boldt, Dr. Funken, PD Dr. Halle,
    Prof. Dr. Hoffmann, PD Dr. Schmidt-Trucksäß, Prof. Dr. Urhausen,
    Prof. Dr. Völker, Dr. Zurstegge

    Federführend für die Erarbeitung:
    Herr Dr. C. Müller-Rensmann (Münster)

    Stand: 01/2003