Kinder und Jugendliche mit "Kreislauflabilitäten" werden bedauerlicherweise häufig vom Schulsport freigestellt. Gleichzeitig wird ihnen jedoch oft "mehr Bewegung" empfohlen. Mit dieser Stellungnahme soll gezeigt werden, welchen positiven Effekt Sport auf die Kreislaufinstabilitäten des Kindes hat.

1. Orthostatische Dysregulation

Meist verbirgt sich hinter der Diagnose Kreislauflabilität eine "orthostatische Dysregulation".´

 

Die orthostatische Dysregulation ist im Kindes- und Jugendalter die häufigste Ursache einer symptomatischen Hypotonie.

Die orthostatische Dysregulation ist besonders in der puberalen Phase eine Folge der zunehmenden Umstellung vom Sympathikotonus zum Vagotonus und deshalb häufig ein Entwicklungsproblem mit zeitlichem begrenztem Auftreten. Im Normalfall wird die Regulation und Stabilisierung des Blutdrucks unter dem Einfluß der Schwerkraft (Orthostase) insbesondere durch eine ständige Änderung des Gefäßtonus erreicht.

Dieses notwendige "Spiel der Gefäße" ist jedoch bei manchen Kindern unzureichend und reduziert ihre Fähigkeit, den Blutdruck über längere Zeit zu stabilisieren.

Typischerweise treten Symptome wie Blutdruckabfall, Schwindel und Ohnmacht nach längerem Stehen auf. Aber auch durch körperliche Ruhe (u.a. längeres Sitzen) wird die Instabilität der Vasomotorik zusätzlich negativ beeinflußt und führt zum allmählichen Blutdruckabfall, wobei jetzt die Symptome Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Leistungsabfall im Vordergrund stehen.
Bezüglich der ausführlichen Darstellung, Diagnostik und Therapie der orthostatischen Dysregulation wird auf die entsprechende Literatur verwiesen
Neben der Regulation des Blutdruckes dient die Vasomotorik gleichzeitig auch der Wärmeregulation, der Ver- und Entsorgung der arbeitenden Muskulatur und zahlreichen anderen Aufgaben. Bereits bei Kreislaufstabilen, erst recht aber bei Kindern und Jugendlichen mit einer orthostatischen Dysregulation kann es verständlicherweise durch diese "Multifunktionalität" zu Störungen der Blutdruckregulation kommen (Bsp. Kreislauflabilität bei Hitze).

Im Vordergrund der Therapie einer orthostatischen Dysregulation stehen solche physikalische Maßnahmen (Bürstenmassage, Wechseldusche), die die Vasomotorik reizen und trainieren.

Dazu kommt eine Regulierung des üblichen Tagesablaufes, wozu die Anregung zu vermehrter körperlicher Bewegung und Betätigung gehört. Der Trainingseffekt für die ausgewählte Sportart muß dabei nicht unbedingt im Vordergrund stehen, vielmehr ist allein schon die körperliche Aktivierung eine wichtige Einflußgröße. Dennoch sollte der Arzt bei der Auswahl der Sportarten den Einfluß auf die Vasomotorik berücksichtigen. Gerade beim Sport ist auf eine reichliche Flüssigkeitsaufnahme zu achten.

2. Vasomotorik und Sport

Unter dynamischer Belastung wird der periphere Gefäßwiderstand gesenkt und die Durchblutung gefördert. Damit wird erreicht, daß die arbeitende Muskulatur besser ver- und entsorgt, die anfallende Wärme zur Hautoberfläche gebracht und die Herzarbeit durch Senken der Nachlast erleichtert wird. Nach Beenden der körperlichen Betätigung geht jedoch die Herzleistung schneller zur Norm zurück als die Stoffwechselabläufe, so daß die verstärkte periphere Gefäßerweiterung für längere Zeit erhalten bleiben muß. Dadurch ist aber die Vasomotorik als blutdruckregulierender Faktor weitgehend ausgeschaltet.

Unter statischer Arbeit hingegen wird der periphere Widerstand auf Grund lokaler hormoneller und mechanischer Gefäßeinwirkungen angehoben. Damit verbunden ist ein höherer Blutdruckanstieg als unter dynamischer Belastung. Zum Abtransport angefallener Stoffwechselprodukte kommt es auch nach statischer Arbeit zu einer Vasodilatation mit negativen Einfluß auf die Blutdruckregulation. Eine vergleichbare Situation tritt beim Wechsel zwischen körperlichen Belastungen mit hoher und niedriger Intensität ein.
Für beide motorischen Bewegungsformen wird nach dieser kurzen Darstellung der Wert des "Auslaufens" erkennbar, im Gegensatz zum abrupten Beenden einer körperlichen Belastung. Beibehalten einer körperlichen Basis-Belastung nach einer sportlichen Betätigung dient nicht nur dem Abtransport der Stoffwechselprodukte, sondern auch der notwendigen Blutdruckstabilisierung.

3. Einfluß einiger Sportarten auf die Vasomotorik

Laufen
Laufen ist eine klassische dynamische Belastungsform. Während des Laufens wird der Blutdruck überwiegend durch die Herzleistung stabilisiert. Am Ende der Belastung kann es jedoch aus den o.g. Gründen zum raschen Blutdruckabfall kommen. Bei dieser körperlichen Tätigkeit steht die Vasodilatation im Vordergrund der Vasomotorik.

Längere Läufe ohne gymnastische Zwischenphasen haben keinen wesentlichen Trainingseffekt auf das periphere Gefäßsystem.

Schwimmen
Schwimmen ist eine Belastungsform mit dynamischen und statischen Anteilen. Gleichzeitig wird die Gefäßfüllung durch den hydrostatischen Druck beeinflußt. Sportmedizinische Untersuchungen ergaben eine zusätzliche Beeinflussung des Gefäßwiderstandes durch eine erhöhte Katecholaminausschüttung, insbesondere von Noradrenalin.

Schwimmen hat einen sehr großen Trainingseffekt auf das periphere Gefäßsystem.

Turnen / Gymnastik / Zirkeltraining
Dies sind Sportarten mit einer Mischung von statischen und dynamischen Anteilen. Dementsprechend tritt ein rascher Wechsel in der Vasomotorik auf.

Diese Sportarten haben einen guten Trainingseffekt auf das periphere Gefäßsystem.

Radfahren
Der zyklische, dynamische Bewegungsablauf aktiviert besonders die Muskelpumpe und verbessert daher die aktuelle Kreislaufsituation.

Auch wenn kein ausgeprägter Wechsel zwischen Vasodilatation und Vasokonstriktion eintritt, ist diese Sportart als Kreislauftraining zu empfehlen.

Sprungübungen, Wurfübungen
Diese Sportarten können ohne Einschränkung durchgeführt werden. Sie zeigen zwar keinen Effekt für das Gefäßtraining, wirken sich aber auch nicht negativ aus.

Keinen Effekt für das Gefäßtraining

Sauna
Im Zusammenhang mit einer orthostatischen Dysregulation wird häufig nach dem Wert eines Saunabesuches gefragt. Gerade in der Phase der Aufwärmung besteht ein erhebliches Risiko, bei Kindern und Jugendlichen mit einer orthostatischen Dyregulation einen Blutdruckabfall bis zum Kollaps zu provozieren. Menschen mit derartigen Problemen müssen zumindest in halbliegender Stellung saunen und beim Aufstehen besonders beobachtet und/oder geführt werden. Der anschließende Kaltwassergang führt zu einer raschen Vasokonstriktion.

Insgesamt wird der Wert der Sauna für die Therapie der orthostatischen Dysregulation überschätzt. Vasodilatation und Vasokonstriktion als Gefäßtraining werden zwar ausgelöst, die Wechsel folgen jedoch in zu langen Abständen. Günstige Effekte können lediglich durch kurze, aktivierende Saunagänge erzielt werden.

4. Freistellung - Teilfreistellung vom Schulsport wegen Kreislauflabilität
Einerseits gehört zwar eine vermehrte körperliche Betätigung zum klassischen Repertoire der ärztlichen Empfehlungen, andererseits werden jedoch unverändert zahlreiche Kinder und Jugendliche wegen einer orthostatischen Dysregulation oder sog. Kreislaufstörungen vom Schulsport freigestellt.
Eine Freistellung vom Schulsport kann für die ersten 8 Wochen der Therapie bei Kindern mit schweren Regulationsstörungen berechtigt sein.

Es sollte aber immer nur eine Teilfreistellung ausgesprochen werden,

da manche Sportanteile die Vasomotorik in erheblichen Maße positiv beeinflussen (s.o.).

5. Prävention statt Therapie gilt auch für die orthostatische Dysregulation
Die arterielle Hypotonie und dazugehörig die orthostatische Dysregulation spielen auch im Erwachsenenalter eine große Rolle. Medikamente können nur eine vorübergehende Besserung herbeiführen. Es muß daher versucht werden, alle Mittel und Wege einzusetzen, um bereits im Kindesalter die Vasomotorik durch entsprechende Aktivitäten zu üben. Auch unter diesem Aspekt wird die Bedeutung und der Wert der täglichen Sport- und Spielstunde deutlich. Pausenhöfe müssen so gestaltet werden, daß spontan zu Spiel und Bewegung verlocken und damit den Kreislauf aktivieren.

Sportstunden haben die Aufgabe einer körperlichen Forderung und Förderung. Sie unterbrechen sinnvoll die Monotonie des Schulablaufs und zwingen das Gefäßsystem zu "seinem Spiel". Der Erwachsene wird davon profitieren.

 

Federführend Univ.-Prof. Dr. B.-K. Jüngst, Mainz