Vorbemerkung 
Anlässlich eines tragischen Todesfalls eines Leichtgewichtsruderers im Mai 2000, der beim „Gewichtmachen“ kollabierte, als er bei hohen Außentemperaturen  in Winterkleidung noch kurz vor dem Wiegen versuchte, die letzten Gewichtsabnahmen zu erreichen und der später am Multiorganversagen verstarb (4), hat die Sektion Leistungssport der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention folgende Stellungnahme erarbeitet:

In Sportarten mit unterschiedlichen Gewichtsklassen ist „Gewichtmachen“ ein übliches und weit verbreitetes Verfahren zur kurzfristigen Reduzierung des Körpergewichts. Dadurch soll der Start in einer niedrigeren Gewichtsklasse möglich werden, was mit vermeintlich größeren Erfolgsaussichten verbunden sein soll. 
Tatsächlich hängt der sportliche Erfolg in Sportarten mit Gewichtsklassen wie z. B. im Ringen, Gewichtheben oder Judo, aber auch im Leichtgewichtsrudern und beim Galoppsport oftmals entscheidend davon ab, ob das eigene Körpergewicht unter Kontrolle gebracht bzw. in der Wettkampfzeit im Rahmen der Gewichtsbegrenzungen möglichst niedrig gehalten werden kann. 

Methoden zur kurzfristigen Gewichtsabnahme
Die gebräuchlichsten Methoden zur kurzfristigen Gewichtsabnahme sind neben einer nahezu vollständigen Flüssigkeitsrestriktion ein durch extreme Saunaanwendungen oder Ausdauerbelastungen in Winterbekleidung induziertes Schwitzen sowie die Einnahme von Laxantien und Diuretika.

Paradoxerweise genügt es in einzelnen Sportarten, einmal zum Zeitpunkt der Gewichtskontrolle ein Körpergewichtsminimum zu erreichen. Unmittelbar nach dem offiziellen Wiegen kann dann eine schnelle Rehydratation durch parenterale Flüssigkeitszufuhr oder Mineralstoffgetränke angestrebt werden, um möglichst innerhalb weniger Stunden schnell wieder physiologische Normalbedingungen herzustellen. Dabei kann es dann auch durchaus zu erheblichem Anstieg des Körpergewichts kommen. Die kurze Zeit ist aber nicht ausreichend zur Wiedererlangung der vollen Leistungfähigkeit (3) 

Ob die teilweise massiven kurzfristigen Veränderungen des Körpergewichts aus sportlicher Sicht sinnvoll sind, wird nachfolgend erörtert. Zunächst müssen die aus medizinischer Sicht relevanten gesundheitlichen Schädigungsmöglichkeiten des „Gewichtmachens“ diskutiert werden.

 

Auswirkungen auf die Gesundheit
Kurzfristige Gewichtsabnahmen sind nur durch erhebliche Eingriffe in den Flüssigkeitshaushalt des Körpers zu erreichen. Durch die dabei entstehende Verminderung des Plasmavolumens und der zirkulierenden Blutmenge kommt es zu (1):

1. Blutdruckabfall,
2. Erhöhung der Ruhe- und Belastungherzfrequenz 

3. Abnahme des Schlagvolumens

4. Ausschüttung von Katecholaminen

5. reduzierter Nierendurchblutung > Gefahr einer passageren Nierenfunktionsstörung

6. reduzierte Muskeldurchblutung > Abnahme der Leistungsfähigkeit 

7. reduzierter Thermoregulation mit Gefahr von Hitzeschäden

(der Hitzschlag ist die häufigste nichtkardiale internistische Todesursache im Sport).

Durch zusätzlichen Einsatz von – durch Dopingbestimmungen verbotenen – Diuretika kann es darüber hinaus zu Elektrolytverlusten kommen, die zu einer erhöhten muskulären Erregbarkeit sowie Herzrhythmusstörungen führen können.
 

Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit
Das Phänomen des „Gewichtmachens“ ist in Sportarten mit Gewichtsklassen nach wie vor ein übliches Verfahren, obwohl immer wieder gezeigt werden kann, dass kurzfristige Manipulationen des Körpergewichts über den Wasserhaushalt teilweise erhebliche negative Auswirkungen auf die körperliche Leistungsfähigkeit haben.

So führt eine Gewichtsabnahme von ca. 5–6 % des Körpergewichts innerhalb von drei Tagen durch Flüssigkeitsrestriktion zu einer Abnahme der Maximalkraft, die auch nach Ausgleich des Flüssigkeitsdefizits noch nach 16 Stunden nachweisbar ist (5). Eine durch hypokalorische Kost kurzfristig durchgeführte Gewichtsabnahme führt über eine Verringerung der muskulären Glykogenkonzentration zu einer Abnahme der Kurzzeit- und Ausdauerleistungsfähigkeit (7), dagegen scheint eine Gewichtsabnahme von ca. 1,3 kg durch Nahrungsrestriktion über einen Zeitraum von ca. 2 Wochen ohne Verlust der Leistungsfähigkeit möglich zu sein (8). Bei kurzfristig innerhalb von 24 Stunden durchgeführter Gewichtsreduktion von 5 Prozent des Körpergewichts korreliert der Leistungsabfall mit der Abnahme des Plasmavolumens (2).
 

Die Sektion Leistungssport empfiehlt:

1. Eine gründliche Aufklärung von Trainern und Athleten in Sportarten mit Gewichtsklassen soll die Risiken der verschiedenen Gewichtsmanipulationsverfahren transparent machen

2. Trainer und Sportler in Sportarten mit Gewichtsklassen sollten regelmäßig Ernährungsberatungen in Anspruch nehmen sowie engmaschige Gewichtskontrollen im Training durchführen, um zu starke Gewichtsschwankungen und damit die Notwendigkeit großer Gewichtsabnahmen vor einem Wettkampf zu vermeiden (6). 

3. In Sportarten mit Gewichtsklassen werden Körpergewichtsveränderungen von max. 3% des Körpergewichtes, verteilt über einen Zeitraum von 5 bis 7 Tagen vor dem Wettkampf für akzeptabel gehalten. 

4. Das Regelwerk in diesen Sportarten sollte – so noch nicht geschehen – dahingehend verändert werden, dass der Wiegevorgang möglichst unmittelbar vor (und idealerweise auch nach) dem Wettkampf stattfindet und bei mehrtägigen Wettkämpfen das tägliche Wiegen obligat wird. Dadurch kann eine zu starke Entwässerung des Körpers wegen der damit einhergehenden erheblichen Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit nicht mehr angewandt werden wodurch sich negative gesundheitliche Effekte verringern lassen. Beim Boxen und Leichtgewichts-Rudern wird maximal 2 Stunden vor dem Wettkampf gewogen.

5. Eine parenterale Flüssigkeitszufuhr nach dem Wiegen sollte generell verboten werden. Bei Kindern und Jugendlichen sollte auf das „Gewichtmachen“ gänzlich verzichtet werden. 


Literaturhinweise

1. American College of Sportsmedicine position stand
Weight loss in wrestlers

Med Sci Sports Exerc 1996, 28 (6), ix-xii

2. Burge,-C-M; Carey,-M-F; Payne,-W-R
Rowing performance, fluid balance, and metabolic function following dehydration

and rehydration.

Med-Sci-Sports-Exerc. 1993 Dec; 25(12): 1358-64.

 

3. Costill,-D-L; Sparks,-K-E

Rapid fluid replacement following thermal dehydration

J-Appl-Physiol. 1973 Mar; 34(3): 299-303.

4. Dunker,-M.; Rehm,-M; Briegel,-J; Thiel,-M; Schelling,-G:
Kasuistik: Anstrengungs-induzierter Hitzschlag

Tod durch "Abschwitzen": Letales Multiorganversagen durch akzidentielle Körpertemperaturerhöhung bei ei-nem 23-jährigen Sportler

Anaesthesist 2001 Jul; 50(7), 500-505

5. Oopik,-V; Paasuke,-M; Sikku,-T; Timpmann,-S; Medijainen,-L; Ereline,-J; Smirnova,-T; Gapejeva,-E
Effect of rapid weight loss on metabolism and isokinetic performance capacity. A case study of two well trained wrestlers.

J-Sports-Med-Phys-Fitness. 1996 Jun; 36(2): 127-31.

6. Opliger,-R-A; Landry,-G-L; Foster,-S-W; Lambrecht,-A-C
Wisconsin minimum weight program reduces weight-cutting practices of high school wrestlers.

Clin-J-Sport-Med. 1998 Jan; 8(1): 26-31.

7. Rankin,-J-W; Ocel,-J-V; Craft,-L-L
Effect of weight loss and refeeding diet composition on anaerobic performance in wrestlers.

Med-Sci-Sports-Exerc. 1996 Oct; 28(10): 1292-9.

8. Zachwieja,-J-J; Ezell,-D-M; Cline,-A-D; Ricketts,-J-C; Vicknair,-P-C; Schorle,-S-M; Ryan,-D-H
Short-term dietary energy restriction reduces lean body mass but not performance in physically active men and women.

Int-J-Sports-Med. 2001 May; 22(4): 310-6.

 

Stand: 2002