2.
In den 70er Jahren wurden unter dem Schlagwort
"Baby-Schwimmen" Übungen mit sehr
jungen Säuglingen im Wasser durchgeführt,
die für den Säugling gefährdende Momente enthielten und
zudem für seine Entwicklung ohne
größeren Nutzen waren. Man
verwies darauf, dass das Ungeborene in
einem flüssigen Milieu aufwachse
und ein früher intensiver Wasserkontakt
demnach physiologisch sei. U.a. interpretierte
man reflektorische, schlängelnde Körperbewegungen als spontan beginnende
Schwimmbewegungen (10). Mit "Tauchübungen"
sollten Wassergewöhnung und Wassersicherheit
erzielt werden (4).
Zwischenzeitlich hat sich die Einstellung
grundlegend gewandelt (u.a. 12). Heute
wird im "Baby-Schwimmen" nur noch eine
spezielle Form der Eltern-Kind-Gymnastik
im Wasser gesehen. Keinesfalls werden
dadurch Schwimmfähigkeiten erlernt
und gelehrt (3). Bedingt durch die frühe
Wassergewöhnung kann man jedoch im
"Baby-Schwimmen" durchaus eine frühe
Zwischenstation auf dem Weg zum Schwimmenlernen
in einem späteren Alter sehen. Erst
beim Kleinkind können, entsprechend
seinem Entwicklungsstand, motorische Fertigkeiten
mit dem Ziel gefördert werden, frühzeitig
ein technisch richtiges Schwimmen zu lernen. In
den meisten Institutionen wird das von
FIRMIN (6) bzw. BAUERMEISTER (1) angeregte
Einteilungsschema benutzt:
I.
Baby-Schwimmen = Mutter-Kind-Gymnastik
4.-12. Lebensmonat
13.-18. Lebensmonat
II. Kleinkinderschwimmen
15. Lebensmonat bis 3 1/2 Jahre
III.Vorschulkinderschwimmen = technisiertes
Schwimmen
3 1/2 - 6 Jahre
In der DLRG wird die Gruppe III als Kleinkinderschwimmen
(KKS) bezeichnet und die Kinder gleichfalls
an das technische Schwimmen herangeführt.
3.
Voraussetzungen
3.1.
Von Seiten des Kindes
Grundsätzlich können alle infektfreien
Kinder am "Baby-Schwimmen" teilnehmen.
Sie sollen jedoch eine altersgerechte
neurologische Entwicklung haben. Zumindest
müssen bei dem jungen Säugling
(entsprechend Gruppe 1) der Schluck-,
Husten- und Niesreflex vorhanden sein,
das Kind muss den Kopf heben und halten
können. Wegen des Gruppenunterrichtes
sollten die empfohlenen Impfungen durchgeführt
sein. Die Atmung, insbesondere die Nasenatmung,
muss zum Zeitpunkt des Wasserganges frei
sein.
3.2. Von Seiten des Wassers
3.2.1. Wasserqualität
In der Bundesrepublik Deutschland ist
die Aufbereitung und Desinfektion von
Schwimmbadwasser gemäß DIN
19643 vorgeschrieben. Danach muss das
Beckenwasser Trinkwasserqualität
haben. Die Einhaltung der DIN-Norm wird
in monatlichen Kontrollen durch das Gesundheitsamt
überwacht. Gefordert wird insbesondere
Keimfreiheit, Chlorüberschuss und
pH-Einhaltung. Außerdem wird die
gesamte Filtertechnik vorgeschrieben.
3.2.2 Wassertemperatur
Im Wasser erfolgt der Wärmeverlust
überwiegend durch Konvektion. Sie
ist bei Säuglingen und Kleinkindern
durch den ungünstigen Oberflächen-Volumen-Quotienten
gegenüber dem Erwachsenen deutlich
größer. Die wärmeabgebende
Körperoberfläche ist größer
als der wärmeproduzierende Körperkern
(2). Um die Körpertemperatur des
Säuglings konstant zu halten, ist
bereits außerhalb des Wassers die
untere Grenze des Regelkreises zu höheren
Temperaturen verschoben. Daraus ergeben
sich als sog. Neutraltemperaturen für
das Wasser für Kinder bis zu 3 Jahren
eine Wassertemperatur von 33° und
bis zu 6 Jahren von 31,5° bei einer
Aufenthaltsdauer von 20 min.
4.
Gefahren für den Säugling
Auf
die Risiken des "Baby-Schwimmens" ist
KLIMT (8) ausführlich eingegangen,
so dass hier nur einige zusätzliche
Probleme hervorgehoben werden sollen.
4.1. Wasseraspiration, Wasserintoxikation
Das Neugeborene und der junge Säugling
besitzen einen Atemschutzreflex, der fälschlicherweise
auch als "Tauchreflex" bezeichnet wird
und damit impliziert, dass ein Säugling
gefahrlos tauchen kann. Durch ihn wird
in der Regel eine Wasseraspiration weitgehend
verhindert. Dieser Reflex verliert sich
im 3. bis 6. Lebensmonat. Bei dem Bade-
und insbesondere dem Tauchvorgang kann
ein Säugling jedoch reichlich Wasser
schlucken, was rasch zu einer Wasserintoxikation
mit Elektrolytentgleisung führt (11).
4.2. Infektionen
Bei konsequenter Durchführung der
DIN-Vorschriften ist der Gehalt an pathogenen
Keimen erheblich reduziert und liegt im
Bereich des Trinkwassers. Infektionen
durch direkte Keimeinwirkungen sind daher
unwahrscheinlich. Diese Aussage kann aber
nicht prinzipiell für alle Anlagen
gültig sein und ist u.a. auch eine
Frage der Filterausrüstung. Wichtig
ist der Hinweis, dass durch die Chlorierung
nur die bakterielle Situation beeinflusst
wird, nicht jedoch die virale Durchseuchung.
Enterovirale Infektionen sind daher unverändert
möglich (7).
Werden Unterkühlung (u.a. durch zu
langen Wasseraufenthalt, zu niedrige Wassertemperatur,
zu niedrige Umgebungstemperatur), ungenügendes
Abtrocknen und unzureichendes Aufwärmen
nach dem Wassergang vermieden, treten
sog. Erkältungen selten auf. Vergleiche
mit älteren Schwimmern (z.B. Sinusitiden!)
sind falsch.
5.
Vorteile
Ein enger Eltern-Kind-Kontakt fördert
in jedem Fall die Entwicklung des Säuglings
(9). Für die Bewegungen des Kindes
ist zusätzlich die Tragkraft des
Wassers von Vorteil. Mehrere Berichte
(u.a. 5) zeigen bei den Kindern Entwicklungsfortschritte,
die denen anderer intensiver Eltern-Kind-Kontakte
vergleichbar sind.
6.
Baby-Schwimmen in offenen Gewässern
Nur in als solchen gekennzeichneten Badestränden
wird der Keimgehalt der offenen Gewässer
regelmäßig kontrolliert. Die
Wasserqualität kann aber auch dann
auf keinen Fall mit der der Hallenbäder
verglichen werden. Außerdem wird
in unserem Klima nie eine für das
Baby-Schwimmen erforderliche Wassertemperatur
erreicht. Allein schon aus diesen Gründen
ist das Baby-Schwimmen in offenen Gewässern
auf keinen Fall zu empfehlen.
7.
Empfehlungen des DGSP
7.1.
Das sog. "Baby-Schwimmen" ist eine besondere
Form der Eltern-Kind-Gymnastik. Sie unterstützt
durch das Medium Wasser Bewegungsabläufe
und vermittelt eine besondere Form der
Hautreize.
7.2. "Baby-Schwimmen" soll nur
in hierfür zugelassenen und regelmäßig
überprüften Institutionen durchgeführt
werden. Dadurch kann u.a. das Risiko von
Infektionen reduziert werden. Die Eltern
müssen sich über geeignete Einrichtungen
vorher kundig machen, evtl. über
das Gesundheitsamt.
7.3. Wie bei anderen Formen der
Säuglingsgymnastik ist der Eltern-Kind-Kontakt
von entscheidender Bedeutung.
7.4. Von großem Wert ist
die Gymnastik im Wasser für körperbehinderte
Kinder, insbesondere Säuglinge mit
einer Spastik.
7.5. Wassergewöhnung im frühen
Alter ist sinnvoll, sie ersetzt aber keinesfalls
technisiertes Schwimmen zum geeigneten
Zeitpunkt.
Literatur
1.BAUERMEISTER,
H.: In der Badewanne fängt es an.
Copress-Verlag,
München, 1984
2. BRÜCK,K.: Wärmehaushalt
und Temperaturregulation
in: R.F.Schmidt,
G.Thews (Her.): Physiologie des Menschen.
Springer, Berlin-Heidelberg-New
York, 1976
3, Committee on Pediatric Aspects
of Physical Fitness. Recreation and
Sports: Swimming Instructions for Infants.
Pediatrics 65
: 847, 1980
4. CHEREK, R.: Babyschwimmen als
Entwicklungsanregung bei unbehinderten
und behinderten Kindern
Motorik, 4: 150
(1981)
5. DIEM, L.: Babyschwimmen fördert
Selbstständigkeit
Der informierte
Arzt, 12: 38 (1980)
6. FIRMIN, F.: Säuglingsschwimmen
Schweiz. Zschr.
Sportmed., 31: 27 (1983)
7. KESWICK, B.H., C.P.GERBA, S.M.GOYAL
: Occurence of enterovirus in community
swimming pools
Am. J. Public
Health, 71: 1026 (1981)
8. KLIMT, F., Zur Problematik des
Baby-Schwimmens
der Kinderarzt,
21: 1466 (1990)
9. KNAPP,A.: Schwimmtherapie oder
psychophysiologische Förderung
durch Wasserbewegung
Prax. Psychomot.,
9: 57 (1984)
10. MAYERHOFER,A.: Schwimmbewegungen
bei Säuglingen
Arch.
Kinderhkd., 16: 137 (1953)
11. PHILLIPS, K.S.: Swimming and
Water Intoxikation in Infants
Can.
Med. Ass. J. , 136: 1147 (1987)
12. SPECHT, N.: Kleinstkinderschwimmen,
Erfahrungen und Voraussetzungen
Arch.
Badewesen 23: 57 (1970)